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EM 2019: ein historischer Schritt und eine besondere Affiche

Neyerlin Andrea 16.08.2019

Am 23. August 2019 bestreitet das Schweizer Volleyball-Nationalteam der Frauen in Bratislava sein erstes EM-Spiel – mit den Gegnerinnen aus Deutschland erwartet die Schweizer Equipe rund um Headcoach Timo Lippuner gleich zum Auftakt der Europameisterschaften eine besondere Affiche.

Denn der ehemalige Sm’Aesch-Cheftrainer Lippuner trifft als Headcoach der Schweizerinnen auf den aktuellen Mann an der Linie der Baselbieterinnen, Andi Vollmer. Letzterer coacht an der EM das Deutsche Nationalteam als Co-Trainer. Damit wird die Begegnung zwischen den beiden Nachbarländern insbesondere für die drei Sm’Aesch-Nationalspielerinnen Madlaina Matter, Gabi Schottroff und Livia Zaugg eine besondere sein.

Wie die drei Spielerinnen damit umgehen? „Wir waren bereits im Mai in Montreux am Volley Masters auf Deutschland getroffen und hatten so schon eine kleine Hauptprobe. Es ist sicher speziell, auf den eigenen Clubtrainer zu treffen – vor allem an diesem wichtigen Turnier. Andi kennt all unsere Stärken und Schwächen. Gleichzeitig ist es aber auch sehr motivierend, denn so wollen wir uns umso mehr von unserer besten Seite zeigen“, meint Sm’Aesch-Captaine Matter stellvertretend.

Copyright Foto: Swiss Volley

Gefühlslage vor der EM

Die Schweizerinnen bereiten sich bis zum EM-Start in Frankreich, Estland und in der Heimat vor. „Wir trainieren zweimal täglich. Im Morgentraining steht meistens Technik oder Kraft an. Am Abend wird dann auf dem Grossfeld 6:6 gespielt“, erzählt die Mittelblockerin Schottroff. Die Schweizerinnen reisen mit einem klaren Ziel nach Bratislava: „Wir möchten auf internationaler Ebene unser Können beweisen und am Tag X unsere Bestleistung abrufen“, resümiert Club- und Nationalteam-Kollegin Zaugg.  

Wie sich die drei Sm’Aesch-Spielerinnen vor dem EM-Start fühlen? „Es ist noch immer etwas surreal, dass wir tatsächlich an der EM teilnehmen dürfen. Aber wir gehen immer topmotiviert in jedes Training und freuen uns riesig auf dieses grossartige Ereignis!“ Und ergänzen: „Wir freuen uns darauf, uns mit den Topteams von Europa zu messen und sind stolz, die Schweiz an diesem Anlass repräsentieren zu dürfen!“    

 

4 Länder, 24 Teams – und eine historische Qualifikation der Schweizerinnen

Die Europameisterschaften der Frauen finden vom 23. August bis 8. September 2019 statt – dies erstmals in vier Austragungsländern (Polen, Ungarn, Slowakei, Türkei).  

Ein weiteres Novum betrifft die Anzahl der Teams, die sich für die EM-Endrunde qualifiziert haben. 2019 treten nicht mehr nur 16, sondern insgesamt 24 Equipen in den Gruppen A bis D an. In diesem neuen Spielmodus werden jeweils 4 von 6 Teams pro Gruppe die 2. Runde erreichen.  

Am meisten aber erstaunt, dass die Schweizerinnen im Endrunden-Tableau erscheinen. Denn erstmals in der Geschichte des Schweizer Volleyballs hat sich ein Schweizer Nationalteam aus eigener Kraft für eine EM-Endrunde qualifiziert. Die Gruppenspiele der Schweizerinnen finden in Bratislava (Slowakei) statt: In der Gruppe D wartet mit Weissrussland, Deutschland, Russland, der Slowakei und Spanien eine äusserst schwierige Aufgabe.    

Wie der Schweizer Headcoach Timo Lippuner die Chancen seines Aussenseiter-Teams einschätzt und welche Bedeutung die EM-Teilnahme für den 38-Jährigen in seinem letzten Jahr als Nationaltrainer hat, verrät er im Interview.  

 

„Es wird ein harter, aber lehrreicher Wettkampf“

Timo Lippuner war zwischen 2014 und 2017 als Coach von Sm’Aesch Pfeffingen engagiert, ehe er auf die Saison 2017/18 hin zum Bundesligateam Rote Raben Vilsbiburg (D) wechselte.

Seit 2014 ist der gebürtige Deitinger (SO) Headcoach des Schweizer Frauen-Nationalteams, zuvor war er bereits seit 2007 als Assistenzcoach dabei. Ende 2019 ist nun aber Schluss – der 38-Jährige hat im Frühjahr seinen Rücktritt auf nationaler Ebene bekannt gegeben und möchte sich zukünftig vollumfänglich auf seine Tätigkeit als Clubtrainer der Roten Raben Vilsbiburg konzentrieren. Ein Blick zurück zeigt: Lippuner hat sein Wort gehalten. Denn er hat das nach der EM 2013 eigens gesetzte Ziel, innert vier bis sechs Jahren auf sportlichem Weg die EM-Quali zu schaffen, umgesetzt.    

Timo Lippuner, was bedeutet das historische Erreichen einer EM-Endrunde für Sie als Trainer?

Timo Lippuner: Ich durfte schon an der EM 2013 mit dabei sein, damals war aber der ganze Prozess dahinter nicht zu vergleichen. Jetzt haben wir das Gefühl, dass wir die Endrunden-Quali durch eine Leistung «verdient» haben, das ist etwas Besonderes. Im Trainerstab sind wir natürlich auch stolz darauf, dass gerade wir alle gemeinsam mit den Spielerinnen diese erstmalige Qualifikation geschafft haben und somit einen Platz in der langen Geschichte des Schweizer Volleyballs auf sicher haben.

Welche EM-Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Equipe?

Wir sind natürlich krasse Aussenseiter, das muss man akzeptieren. Allerdings rechnen wir uns vor allem bei den Spielen gegen die Slowakei und Spanien durchaus Chancen aus, etwas Zählbares mitzunehmen. Trotz der sehr kleinen Chance liebäugeln wir natürlich auch mit der zweiten Runde, dafür müssten wir den 4. Platz erreichen.

Was denken Sie über die Aufstockung auf 24 Teilnehmer-Teams?

Die Leistungsdichte der Teams in Europa ist wahnsinnig gross geworden, in der Weltrangliste mischen anteilmässig extrem viele europäische Teams vorne mit. Ab den 2000er Jahren haben sich die «neuen» Teams im Osten und Südosten endgültig etabliert: Wo vorher 2 Topteams waren, sind es jetzt rund 10. Das hat natürlich Einfluss auf die Stärkenverhältnisse. Daher ist die Aufstockung nicht mehr als logisch, um dieser Entwicklung gerecht zu werden. Folglich haben die Teams im unteren Mittelfeld, wie zum Beispiel wir, die Chance, sich für eine Endrunde zu qualifizieren. Dass eine erfolgreiche Qualifikation aber trotzdem nicht so einfach ist, zeigen die Beispiele der Schwedinnen und Tschechinnen, welche die Quali nicht geschafft haben. Es hängt also auch noch stark von der Gruppeneinteilung ab, ob man als kleine Volleyballnation den Schritt schaffen kann.

Ein weiteres Novum ist die Austragung in vier Ländern – was meinen Sie dazu?

Das sehe ich von verschiedenen Seiten: Einerseits wird der Event so einem breiteren Publikum zugänglich gemacht, für die Stimmung in den Hallen sind 4 «Heimteams» sicher fördernd. Ausserdem ist der Organisations- und Finanzaufwand für eine derartige Veranstaltung enorm gross, so dass sich eine Aufteilung auf mehrere Partner auf jeden Fall lohnt. Andererseits finde ich jedoch einen Anlass an einem einzigen Ort sportlich, event- und «gefühlsmässig» deutlich spannender, da ein anderes EM-Feeling aufkommt, wenn alles in einem Land stattfindet.

Wie sind Ihre Gegnerinnen einzuschätzen?

Von den Stärkeverhältnissen her haben wir mit Russland einen klaren Gruppenfavoriten. Dahinter dürften sich Weissrussland und Deutschland um Platz 2 balgen. Die Slowakei und Spanien werden wohl mit uns um den letzten verbleibenden Platz für die zweite Runde kämpfen. Niveaumässig sind wir gegen die Top 3 grundsätzlich deutlich unterlegen, da wäre ein Satzgewinn bereits eine riesige Sensation. Gegen Spanien und die Slowakei ist an einem sehr guten Tag (und einem schwachen ihrerseits) vielleicht etwas möglich, aber auch diese Teams sind erfahrener und vor allem individuell besser besetzt als wir. Es wird also auf jeden Fall ein sehr harter, aber lehrreicher Wettkampf für uns werden. Ich bin jedoch überzeugt, dass wir mit einer guten Teamleistung über uns hinauswachsen und so vielleicht für die ein oder andere Überraschung sorgen können.

Wie schätzen Sie die Qualitäten und Rollen der Sm’Aesch-Spielerinnen Madlaina Matter, Gabi Schottroff und Livia Zaugg ein?

An der erfolgreichen EM-Quali waren die drei Spielerinnen massgeblich beteiligt, waren sie im letzten Sommer und im Januar doch meistens in der Startsechs. Mittlerweile ist vor allem für Livia auf der Aussenposition die Konkurrenz grösser geworden, weshalb sie sich den Startplatz für die EM erst noch erkämpfen muss. Das trifft allerdings auch auf die beiden Mittelblockerinnen zu. Wir hoffen im Trainerstab natürlich, dass jede einzelne im Hinblick auf die EM nochmals richtig Gas gibt und so sich selbst sowie die Mitspielerinnen zu Höchstleistungen antreibt. Dann bin ich sicher, dass wir auch an der EM viel von den drei „Sm’Aescherinnen“ hören werden.

 

Europameisterschaften – oder: wenn ein Volleyball-Spiel zum Film wird

Auf der anderen Seite der besonderen EM-Auftakt-Affiche steht mit dem Deutschen Assistenztrainer Andi Vollmer der aktuelle Clubtrainer der Baselbieterinnen: Erstmals war Andi Vollmer 1989 mit dem Deutschen Frauen-Nationalteam unterwegs – dies als Scout bei der damaligen Heim-EM. 1990 und 1991 folgten Einsätze als Co-Trainer an der EM und WM sowie Scouting-Tätigkeiten im Junioren-Nationalteam.

Seit 2015 ist der Deutsche erneut auf nationaler Ebene in seinem Heimatland aktiv – und zwar als Assistenztrainer der Elite-Frauen. Nachdem er im letzten Jahr auch Teammanager-Aufgaben wahrgenommen hatte, wird Vollmers Platz an den Europameisterschaften im August wieder auf der Bank sein – an der Seite von Felix Koslowski.    

Wie er als Sm’Aesch-Clubtrainer wohl damit umgeht, auf dem EM-Parkett den eigenen Spielerinnen für einmal gegenüber zu stehen? „Das wird sicher aufregend“, meint Vollmer, „da schaut man natürlich schon mal häufiger durch das Netz und steht in freundschaftlichem Kontakt.“

Dennoch sei die Situation nicht ganz einfach: „Einerseits wünsche ich mir natürlich, dass die eigenen Club-Spielerinnen ein tolles Turnier spielen und an der EM wachsen können. Andererseits ist unser Ziel mit dem Deutschen Nationalteam, im Direktduell alle Punkte mitzunehmen, um das bestmögliche Resultat zu erreichen – denn dieses wird auch für die Olympia-Qualifikation beim Continental Cup zählen. Aber nach dem Deutsch-Schweizerischen Direktduell werde ich meinen drei Club-Spielerinnen Gabi, Livia und Madlaina gerne hilfreiche Tipps geben, um ein gutes Turnier zu spielen.“    

Ein Grossanlass sei stets etwas Besonderes: „Turniere entwickeln immer eine gewisse Dynamik – wie ein Film, der mit dem Vorspann beginnt und dann richtig spannend wird. Genau das macht einen Grossevent wie eine EM aus: Das Zuspitzen der Situationen von Runde zu Runde; die Spannung, ob uns die taktischen Vorbereitungen so gelingen, dass alle hundertprozentig vom Sieg überzeugt sind; und natürlich das Wiedersehen mit so vielen ehemaligen und aktuellen Spielerinnen und TrainerInnen, die einen über Jahre begleitet haben. In diesem internationalen Rahmen Freundschaften zu pflegen, ist immer sehr schön.“

Kritischer steht Vollmer hingegen dem neuen EM-Modus gegenüber. „Ich persönlich finde das Teilnehmerfeld mit 24 Teams zu aufgebläht – und auch die vielen Standortwechsel rauben Zeit und Energie für Training und Regeneration...“  

Eines steht aber fest: Das Auftakt-Duell zwischen der Schweiz und Deutschland, aber auch gesamte Erlebnis EM wird für die Schweizerinnen ein besonderes sein. Ob Lippuners Team gar mit einem Exploit überraschen wird, werden wir schon bald sehen.  

Copyright Foto: Damien Sengstag

Wer die Schweizerinnen vor deren Abreise nach Bratislava noch einmal live erleben möchte, kann dies am Sonntag, 18. August tun. Dann nämlich findet in Neuchâtel das offizielle Vorbereitungsspiel gegen Portugal statt (17.00 Uhr, Eintritt frei).

 

(nea)